Raum-Metaphorik in Christoph Peters Roman "Ein Zimmer im Haus des Krieges": Integration statt Isolation. Verstehen statt Verurteilen. In: KGS 19, Kairo 2010 / 2011, S. 155 – 165

Diaa Elnaggar 


Abstract


Der 1966 geborene Christoph Peters ist kein Unbekannter in der deutschen Literaturszene. Daher kann die Untersuchung der Raummetaphorik in seinem Roman „Ein Zimmer im Haus des Krieges“ über das Schicksal des zum Islam konvertierten deutschen Bürgers Jochen (Abdullah) Sawatzky, der 1993 mit einer terroristischen Gruppe ein Attentat im oberägyptischen Luxor auf Touristen verüben will, dabei verhaftet und am Ende zum Tod verurteilt wird, anregende Aspekte über die Beziehung von Raummetaphorik und Handlung durch die Zimmer-Haus-Metaphorik erhellen, der die mittelalterliche islamische Aufteilung der Welt in ein „Haus des Friedens“ ( des Islam) und ein „Haus des Krieges“ ( des Unglaubens) zugrundeliegt. Mit der Haus-Zimmer-Metapher wird zwar das räumliche Nebeneinander ausgedrückt, aber keineswegs das menschliche Miteinander miteinbegriffen. Da in der Interaktionstheorie die Metapher als Veranschaulichung, Verfremdung, Spiel, Provokation, Verrätselung, Mythisierung erscheint, macht die Verrätselung des hier dargestellten Raumverhältnisses durch Einbeziehung der religionsgeschichtlichen Metaphern bzw. Begriffe "Haus des Krieges" und "Haus des Friedens" diese Raum-Metaphorik noch wirkungsvoller und schöpferischer. Aus beiden theologischen oppositionellen Raumbezeichnungen "Haus des Friedens" und "Haus des Krieges" werden auch zwei geistige oppositionelle Welten erstellt, auf deren Folie sich die Handlung des Romans entwickelt. Das räumliche Nebeneinander bei fehlendem menschlichem und sozialem Nebeneinander, ausgedrückt durch die Haus-Zimmer-Raummetaphorik, bestimmt die Handlung des Romans. Die räumliche Oppositionierung erzeugt wiederum eine geistige Oppositionierung, denn Sawatzky sieht den Westen, nicht nur Deutschland, in dem er sich räumlich befindet, als "Haus des Krieges" an, das zu beseitigen und durch das "Haus des Islam", zu dem er geistig gehört, zu ersetzen gelte, wie er sich anfangs wünscht. Peters "integriert" gleichzeitig Arua als Gegenbeispiel für Sawatzky in die Handlung, um zu zeigen, dass nicht alle Muslime ein Sawatzky sind. Arua ist in Kairo geboren, aber in Frankfurt aufgewachsen und ließ sich in die Gesellschaft integrieren. In ihrer Haltung zur westlichen Gesellschaft will sie in keinem isolierten Zimmer wohnen, und diese Gesellschaft als Haus des Krieges ansehen. Durch ausführliche Diskussionen zwischen dem deutschen Botschafter Claus Cismar als vermeintlichem Vertreter des Hauses des Krieges und dem deutschen Staatsangehörigen als ideologischem Vertreter des Hauses des Friedens erfüllt sich erzähltechnisch ein Läuterungsakt, indem räumliche Oppositionen aufgehoben werden und das Haus seine ursprüngliche Bedeutung als das Symbol der existentiellen Mitte zurückgewinnt. In der Nacht seiner Hinrichtung hat Sawatzky bis zum Schluss gebetet, und zwar die letzte Sure des Koran, »An-Nas« [die Menschen], die keine oppositionellen Räume kennt und deshalb keine oppositionellen Semantisierungen mehr erzeugt, indem an Muslime und Nicht-Muslime nicht mehr gedacht wird, sondern einfach an Menschen.


Other data

Issue Date 2011
Publisher KGS Cairo University
URI http://research.asu.edu.eg/123456789/480


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