Hotwords im deutsch-arabischen Kontext. Überlegungen zur Entwicklung der interkulturellen Kompetenz des Übersetzers. Kairo 2014: Sahifat al-Alsun 30.

Nahla Tawfik 


Abstract


Gegenstand der Studie sind „Hotwords“ als potentielle Stolpersteine in der interkulturellen Kommunikation im deutsch-arabischen Kontext. „Hotwords“ als Fachausdruck in der Interkulturalitätsforschung, der von Hans-Jürgen Heringer geprägt wurde, bezeichnet Stellen, an denen in der interkulturellen Kommunikation häufiger Probleme auftreten. In seinem Standardwerk Interkulturelle Kommunikation. Grundlagen und Konzepte“(2007) befasst er sich eingehend mit diesen Wörtern, die nach ihm durch wichtige kulturelle Tatsachen geprägt sind und jede Menge Kultur enthalten. Hotwords kennzeichnen sich vor allem auch durch ihre Aktualität und ihren strittigen Charakter, auch unter Muttersprachlern, die sich bei ihrer Definition schwer tun. Dies unterscheidet sie von den ebenfalls kulturspezifischen Realien. Ziel der Studie ist es, Hotwords im deutsch-arabischen Kontext exemplarisch zu behandeln, auf mögliche Missverständnisse aufmerksam zu machen, sowie Potenziale des Einsatzes von Hotwords im Übersetzungsunterricht hervorzuheben, vor allem im Hinblick darauf, angehende Übersetzer für die Kulturgebundenheit des Wortschatzes und die Bedeutung interkultureller Kompetenz für eine gelungene Übersetzung zu sensibilisieren. Ferner beabsichtigt die Studie, die Aufmerksamkeit auf die Grenzen einer Wörterbucharbeit zu lenken, die interkulturelle Aspekte nicht berücksichtigt. Pressetexte mit potenziellen Hotwords werden angeführt, anhand derer Gefahren fehlender interkulturellen Kompetenz beleuchtet werden. Zwei Beispiele für Hotwords werden ausführlich behandelt, die im Rahmen der aktuellen Umwälzungen in der arabischen Welt relevant sind: das arabische Wort „šahīd“ und das Wort „Islamismus“. Der Rückgriff auf verschiedene Quellen, Koranverse, einsprachige wie zweisprachige Wörterbücher vermittelt einen Einblick, wie beide Wörter kein geteiltes Wissen bei deren Empfängern in beiden Kulturräumen hervorrufen, und wie mit denen unterschiedliche Wertungen in Bezug auf bestimmte Themen zum Ausdruck kommen, wodurch leicht Missverständnisse entstehen können. Die herangezogenen Texte zeigen exemplarisch auch, wie unterschiedlich mit dem jeweiligen Hotword in der Presse umgegangen wird. A. Das Hotword „šahīd ” Die Untersuchung anhand verschiedener Quellen und Beispielstexte hat Folgendes ergeben: Das arabische Wort „šahīd “ hat eine umfassendere Verwendung als seine vermeintliche deutsche Entsprechung „Märtyrer“. Während das Wort Märtyrer normalerweise im religiösen Kontext verwendet wird, wird das arabische Wort, neben der Bezeichnung von Toten auf dem Wege Gottes, für die Bezeichnung von schuldlosen friedlichen Opfern und Toten von Kriegen benutzt wird, auch Toten bei Unfällen, Bränden, Erdbeben und Naturkatastophen usw. Das Deutsche benutzt in diesem Kontext das Wort Märtyrer nicht, sondern das Wort „Opfer“ oder „Tote“. Ein weiterer semantischer Unterschied besteht darin, dass Märtyrer im Deutschen immer passiv sind, sie wurden zu Märtyrern gemacht. Die blinde Wörterbuchtreue beim Übersetzen aus dem Arabischen ins Deutsche würde, wenn es sich nicht um die religiöse Grundbedeutung des Wortes geht, zu einer misslungenen Übersetzung führen, die beim deutschen Zielempfänger als fremd wirkt und zu Missverständnissen führen könnte. Ein weiterer Aspekt ist die Tatsache, dass das arabische Wort šahīd im arabischen Kulturraum unter den Angehörigen derselben Kultur nicht selten einen strittigen Charakter aufweist, vor allem wenn es um politische oder ideologische Zwecke willen sprachlich besetzt und von verschiedenen Gruppen zu eigenen Zwecken mit eigenen Inhalten gefüllt wird, um eine besondere Wirkung im Bewusstsein der Gesellschaft zu erzielen. Dadurch wird Anspruch darauf erhoben, dass diejenigen, die gefallen sind, auf dem Wege Gottes oder des richtigen Glaubens gestorben seien, sie seien Tote für eine gerechte Frage. In zwei Zusammenhängen ist die Verwendung des Wortes besonders brisant: in dem Zusammenhang von den umstrittenen Selbstmordattentätern, die Unschuldige mit sich in den Tod reißen, und in dem Zusammenhang vom arabischen Frühling, wo das Wort von gegensätzlichen Strömungen unterschiedlich sprachlich besetzt wird, um ihre Toten zu bezeichnen. Dabei werden nicht selten politische Zwecke verfolgt. B. Das Hotword Islamismus: Ein weiteres Beispiel für Hotwords im deutsch-arabischen Kontext ist das brisante Wort Islamismus, das zurzeit vor allem in Bezug auf die Umwälzungen in der arabischen Welt seit der Jasmin-Revolution 2010 in Tunesien und dem Aufstieg religiös motivierter politischer Strömungen Hochkunjunktur erlebt. Nicht selten bringt das Wort kontroverse Meinungen hervor, im Hinblick auf dessen Bedeutung, Entstheung und seine Anlehnung an das Basiswort Islam durch das Suffix „–ismus“, das somit das Wort Islam, das im Arabischen soviel wie Frieden und Gottergebenheit bedeutet, mit Extremismus und Gewalt zusammenbringe. Die Tatsache, dass unter diesem Wort nichts Einheitliches auf interkultureller und intrakultureller Ebene verstanden wird, macht dieses Wort zu einem besonderen Hotword. Für das Anliegen der Studie ist der Umgang der deutschen Presse mit dem umstrittenen brisanten Wort besonders aufregend, unterschiedliche Textbeispiele werden zu diesem Zwecke angeführt. Diese zeugen teils von interkultureller Inkompetenz, teils von differenziertem Umgang und somit von interkultureller Kompetenz. Die verwendeten Umgangsverfahren mit dem Hotword dürfen von großer Bedeutung für die interkulturelle Kommunikation im allgemeinen, und für die Übersetzung im besonderen, sein, vor allem was die Übersetzungsrichtung Arabisch-Deutsch, angeht: Folgende Verfahren werden anhand von Beispielstexten festgestellt: Das Erklärungsverfahren, Abgrenzungsverfahren, und Abschwächungsverfahren. Zum Schluss folgen didaktische Hinweise zum Einsatz von Hotwords im Übersetzungsunterricht zur Verbesserung der interkulturellen Kompetenz des angehenden Übersetzers: Erstens: Die Studierenden für die enge Beziehung von Sprache und Kultur und für die Kulturgebundenheit des Wortschatzes zu sensibilisieren. Dadurch kann einerseits ihre allgemeine Kulturkompetenz, andererseits ihre sprachenpaarbezogene interkulturelle Kompetenz angesprochen werden; Zweitens: Die Studierenden auf die unterschiedlichen Wertungen, die mit einer sprachlichen Form zum Ausdruck gebracht werden, aufmerksam zu machen, sowie darauf, ob in zwei Kulturgemeinschaften mehrheitlich unterschiedliche Wertungen in Bezug auf bestimmte brisante Themen bestehen, zum Beispiel Themen, die ihren Ursprung in der jeweiligen religiösen Tradition haben; Drittens: Die Studierenden mit der kulturellen Inhomogenität, die sich in der Sprache reflektiert, vertraut zu machen. Dadurch kann ein Kulturbegriff themtisiert werden, der mit der Vorstellung von Kulturen als geschlossenen homogenen Systemen abbricht, und intrakulturelle Aspekte und Unterschiede berücksichtigt; Viertens: Die Studierenden in Konzepte und Ansätze interkultureller Kommunikation einzuführen, exemplarisch anhand des Hotword-Konzepts und der unterschiedlichen Möglichkeiten des bewussten Umgangs mit brisanten Hotwords im deutsch-arabischen Kontext; Fünftens: anhand von Beispieltexten die Übersetzungsprobleme, die durch Hotwords entstehen könnten, zu diskutieren (Rezeptions- oder Produktionsebene, Recherchieren, Transfer), und mikrostrukturelle Übersetzungsverfahren zu thematisieren. Die Lerner müssen dabei fähig sein, ihr fremdkulturelles und eigenkulturelles Wissen zueinander in Beziehung zu setzen und in adressatenorientiertes translatorisches Handeln umzuwandeln.


Other data

Issue Date 2014
Publisher Faculty of Languages Al-Alsun
URI http://research.asu.edu.eg/123456789/433


Recommend this item

CORE Recommender
21
Views


Items in Ain Shams Scholar are protected by copyright, with all rights reserved, unless otherwise indicated.