Translation zwischen Irakkrieg und intellektueller Korruption. Oder: Translatoren in der arabischen Literatur im Spannungsfeld von Politik, Macht und Berufsethik. In: D'hulst, Lieven; O'Sullivan, Carol; Schreiber, Michael: Politics, Policy and Power in Translation History. Berlin: Frank&Timme 2016, 69-94.

Nahla Tawfik 


Abstract


Der Zusammenhang von Translation, Politik, Macht und Berufsethik erfeut sich vor allem in letzter Zeit großer Beliebtheit, besonders im Hinblick auf die überall auf der ganzen Welt zunehmenden Kriegseinsätzen und Krisensituationen. Translatoren, ob in Kriegszeiten oder unter autoritären Regimen, avancieren mehr und mehr zu Hauptfiguren in verschiedenen literarischen Werken. Mit dem so genannten „fictional turn“ in der Translationswissenschaft stehen seit der Jahrtausendwende diese Werke deutlich sichtbar als Gegenstand translatologischer Forschung. Die vorliegende Studie, die sich als Teil dieses jungen interdisziplinären Forschungsfeldes der Translationswissenschaft versteht, ist in drei Teile gegliedert: Zunächst wird ein theoretischer Überblick über das Forschungsfeld gegeben. Die Anfänge und die Entwicklung des sogenannten „fictional turn“ werden dargestellt. Der Begriff Fictional Turn geht auf die brasilianische Kulturwissenschaftlerin Else Ribeiro Pires Vieira zurück, die in den neunziger Jahren einen Fictional Turn innerhalb des Faches bemerkte, wo einerseits Schriftsteller Translation thematisieren, andererseits Theoretiker und Forscher Fiktion mit translatorischer Thematik als Quelle für theoretische Reflexionen über Translation untersuchen. Werke, die verschiedene Narrationen der translatorischen Praxis und unterschiedliche Wirklichkeitsmodelle schildern, werden herangezogen, um Fragen des Berufsbilds, Identitätsbildung und Mehrsprachigkeit, Migration, Hybridität, Neutralität und Grenzüberschreitung anzuschneiden. Diverse Fragestellungen und methodische Vorgehensweisen werden skizziert. Anschließend wird ein Blick über den aktuellen Forschungsstand geworfen, Standardwerke werden exemplarisch angeführt. Im Fokus steht als theoretisches Gerüst der Studie die translationswissenschaftliche Habilitationsschrift von Dörte Andres (2008): Dolmetscher als literarische Figuren. Vom Identitätsverlust, Dilettanismus und Verrat. Nach eingehender Analyse der zwölf behandelten Werke im Hinblick auf translatorische Thematik differenziert die Translationswissenschaftlerin drei Grundmuster der literarischen Darstellung des Zusammenhangs vom Dolmetschen und Macht: Bei dem ersten Grundmuster „Spiel mit der Macht“ manipuliert der Dolmetscher die Kommunikationspartner durch die Sprache, um seinen eigenen Interessen nachzugehen, die nicht unbedingt materieller Natur sind. Das zweite Grundmuster „Kampf um die Macht“ kennzeichnet Dolmetscher, deren Verhalten als unmoralisch bewertet wird, denn das Eigeninteresse bestimmt ihr primär materiell orientiertes Handeln. Der Dolmetscher wird literarisch als Opportunist dargestellt, wobei er sich der Zensur bedient, um Macht ausüben zu können. Bei dem dritten Grundmuster kann der Dolmetscher keine neutrale Position wegen emotionaler Verbundenheit mit einem Kommunikationspartner einnehmen. Ihm geht es darum, den Kommunikationspartner durch seine Tätigkeit zu schützen. Der zweite Teil der vorliegenden Studie widmet sich der Untersuchung des Zusammenhangs von Translation, Politik, Macht und Berufsethik anhand zweier Gegenwartsromane aus der arabischen Literatur, die 2009 zum internationalen arabischen Buchpreis nominiert wurden und in deren Mittelpunkt ein Translator als Hauptfigur steht. An beiden Werken verfolgt die Studie das Ziel, das Bild des Translators im Spannungsfeld von Politik, Macht und Berufsethik zu investigieren. Anhand beider Werke wird auch untersucht, inwieweit die Darstellung des Translators mit den drei obengenannten Grundmustern von Andres vereinbar ist. Der 2008 erschienene Roman „Alhafida alamerikia“ (= Die amerikanische Enkelin) von der Irakerin Inaam Kachachi handelt von der amerikanischen Besatzung im Irak ab 2003 und schildert diese Zeit durch die Augen einer jungen amerikanisch-irakischen Frau, die in ihre Heimat, den Irak, als „transitional“ Migrantin zurückkehrt, um als Translatorin für die US-Armee im Irak zu arbeiten. Die Hauptfigur im 2006 erschienen Roman von dem Syrer Fawwaz Haddad ist hingegen ein Literaturübersetzer im „vorrevolutionären“ Syrien, der durch seine Arbeit als Übersetzer die Korruption und Gewissenlosigkeit der intellektuellen Elite, die im Dienste des Regimes steht, und die Instrumentalisierung seiner Sprach- und Übersetzungskompetenz am eigenen Leibe erfahren muss. Anhand beider Werke werden das Berufsbild beleuchtet und das translatorische Handeln eingehend untersucht. Im Anschluss an der Analyse beider Romane folgt als letzter Teil der Studie eine translationswissenschaftliche Diskussion, im Lichte der Ausführungen von Andres. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Darstellung werden eruiert. Gemeinsam ist beiden Romanen, dass sie kein schwarz-weißes Bild vom Translator darstellen. Denn das Verhalten des Translators schwankt zwischen Opportunismus und Altruismus: Zeina möchte ja aus ihrer Mehrsprachigkeit materiellen Nutzen ziehen, und daher bewirbt sie sich um den Beruf als Dolmetscherin, obwohl sie ihn mit eigener Skepsis betrachtet. Sie denkt dabei nicht an sich selber, sondern erhofft sich dadurch, ihrer Mutter und ihrem süchtigen Bruder bessere Lebensqualität garantieren zu können. Auch Hameds Verhalten zeigt Widersprüche. Während er am Anfang als ehrlicher, selbstloser Mann erscheint, der die vermeintliche Freundschaft mit dem Sicherheitsbeamten infolge des Gesprächs in der Sicherheitszentrale nicht ausnutzen will und daher ihn nicht um Hilfe bei der Klärung seiner Geschichte mit dem Literaturkritiker bittet, läßt er sich infolge der erlebten Korruption der intellektuellen Elite und der autoritären Machtkontrolle des Regimes missbrauchen und instrumentalisieren, indem er Plagiat begeht. Am Ende zeigt er Reue. Gemeinsam sind weiterhin die negative Darstellung der Berufsrealität und die Unzufriedenheit mit dem Beruf. Im Irak wird der Beruf als ein zur Depression führender und fragwürdiger Beruf dargestellt, der mit einem tragischen Schicksal enden kann. Auch im zweiten Roman klagt der Übersetzer vom Anfang an über sein Leiden beim Übersetzen. Seine Krise hätte ihn beinahe einen Mord begehen lassen. Die literarische Fiktionalisierung translatorischer Thematik greift zwar in beiden Romanen auf das Stereotyp vom Übersetzer als zerrissener Person und potenziellem Verräter zurück, aber auf unterschiedliche Weise. Schon der Titel des Romans „Der untreue Übersetzer“ spricht das Thema an. An der Figur des in drei zerrissenen Übersetzers Hamed, der Verrat am Kunstwerk begeht, werden Begriffe der Treue und Verrat am Autor zur Frage der Loyalität bzw. des Hochverrats am Vaterland in Beziehung gesetzt. Zeina ist auch mit sich selbst uneins und zwischen den Irakern und Amerikanern zerrissen, aber sie bleibt bei der Ausübung ihrer Tätigkeit als Dolmetscherin bis zum Ende ihren Arbeitgebern gegenüber loyal. Die Grenzüberschreitung ist ein weiteres gemeinsames Merkmal. Beide Hauptfiguren wollen nicht klein, meinungs- und machtlos bei der Ausübung ihrer Rolle bleiben. Ihr Verhalten und ihr übersetezerisches Vorgehen kennzeichnen sich im Sinne von Andres durch eine Umkehr der Schwäche in Macht und eine Grenzüberschreitung der Rolle eines Nur-Übersetzers bzw. Nur-Dolmetschers. Zeina sieht es moralisch als ihre Aufgabe, die machtlosen Iraker zu verteidigen und zu schützen, auch wenn das gegen die in der Berufsethik hochgeschriebene Neutralität stößt. Hameds Vorgehen beim Übersetzen offenbart eine Art Grenzüberschreitung der übersetzerischen Tätigkeit, Abschaffung des Begriffs der Treue sowie Machtausübung gegenüber dem Autor und seinem Kunstwerk. Diese autoritäre Macht des Übersetzers könnte als eine Art Reaktion auf die autoritäre Macht interpretiert werden, die er im wirklichen Leben und in der Berufspraxis erlebt. Anhand der Analyse beider Romane zeigt sich auch, dass das vermittelte Bild von der Translation und dem Translator zum Teil mit den eruierten Grundmustern von Andres im Einklang stehen. Im Roman „Die amerikanische Enkelin“ überschreitet die Translatorin die Grenze der Neutralität, nicht aus Eigennutz, sondern aus Emotionalität und Befangenheit. Ihr Wunsch, die Machtlosen vor den Mächtigen zu schützen, ist ein moralisches Verhalten, und entspricht dem dritten Grundmuster, während der zweite Roman „Der untreue Übersetzer“ eher mit dem ersten Grundmuster vereinbar ist, da der Übersetzer aus Eigennutz, nämlich dem Wunsch, sich an den Literaturkritiker zu rächen, unmoralisch handelt und seine Macht gegenüber der zu übersetzenden Werke durch Plagiate missbraucht.


Other data

Issue Date 2016
Publisher Frank&Timme
Conference 7th EST Congress Germersheim 2013 
URI http://research.asu.edu.eg/123456789/434


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