Der Translator als Wanderer zwischen Sprachen und Identitäten. Oder: Der Obergefreite Roth zwischen Wörterbuchtreue und Vaterlandsverrat. In: KGS21, Kairo 2014, 501-514.

Nahla Tawfik 


Abstract


Die kulturelle Wende „cultural turn“ Anfang der 80er Jahre stellte innerhalb der Übersetzungswissenschaft eine Art Paradigmenwechsel dar. Denn im Gegensatz zu den linguistisch gerichteten komparatistischen Studien der 60er und 70er Jahre rücken nun mehr und mehr kulturwissenschaftliche Fragen sowie die Person des Übersetzers in den Mittelpunkt der Untersuchung. Der Forschungsrahmen der Translationswissenschaft wurde wiederum Anfang des neuen Millenniums um den „fictional turn“ erweitert. Bei dieser aktuellen Tendenz der Translationsforschung handelt es sich um ein junges interdisziplinäres Forschungsfeld der Translationswissenschaft, das sich mit der zunehmenden Tendenz der literarischen Fiktionalisierung von Translatoren und Translation befasst und in Bezug auf translationswissenschaftliche Forschungsergebnisse untersucht. Ausgehend von den Alternativbeziehungen zwischen der Welt der Literatur, der Wissenschaft und der Praxis werden literarische Werke systematisch als Quelle herangezogen und im Hinblick auf die Darstellung der Berufsgruppe von Translatoren und ihrer Tätigkeit hin analysiert. Dabei werden die translatorischen Arbeitsweisen und –bedingungen beschrieben und die Wechselbeziehungen zur tatsächlichen Berufsrealität untersucht. Die dahinter steckenden Vorstellungen vom Übersetzen und Dolmetschen werden auch eruiert und anhand translationswissenschaftlicher Ergebnisse erklärt. Im Mittelpunkt dieses Beitrages steht die Fiktionalisierung der Translation und des Translators im deutschen Roman „April in Paris“ (2006) von Michael Wallner. Das Schicksal der Hauptfigur, des Obergefreiten Roth, der während des Zweiten Weltkrieges wegen seiner ausgezeichneten Sprachkenntnisse in der Besatzungszone in Paris als Translator eingesetzt wird und Greueltaten miterleben muss, ist dabei aufschlussreich. Die Studie verfolgt das Ziel, das Berufsbild im Hinblick auf translationswissenschaftliche Forschungsergebnisse zu investigieren, die Identitätsbildung des Translators im Hinblick auf die Mehrsprachigkeit und die damalige gesellschaftliche Einstellung dazu zu beleuchten. Ferner soll erforscht werden, inwieweit das damit verbundene Selbst- und Rollenbild das translatorische Handeln beeinflussen können, und ob der alte Narrationtyp vom Translator als zerrissener Person und demnach als potenziellem Verräter zugunsten des in der Translationswissenschaft hochgeschriebenen Modells vom Translator als Garanten der interkulturellen Kommunikation aufgegeben oder eher durch die literarische Fiktionalisierung verfestigt wird. Zunächst wird der Zusammenhang von Mehrsprachigkeit und Identität bzw. Translation und Identitätsbildung eingehend erforscht. Aufschlussreich sind dabei die Ausführungen von Oppenrieder/Thurmair in Sprachidentität im Kontext von Mehrsprachigkeit (2003) hinsichtlich der Rolle der sprachlichen Selbst- und Fremdwahrnehmung bei dem Aufbau der Gruppenidentität und der Abgrenzung anderer. Auch die Frage nach der Einstellung der verschiedenen Kulturgemeinschaften gegenüber der Mehrsprachigkeit ihrer Mitglieder wird beleuchtet. Nach Oppenrieder/Thurmair ist es entscheidend bei der Bildung einer gelungenen Identität, inwiefern die Gesellschaft heterogene Komponenten zulässt, was die Identität ihrer Mitglieder angeht. In dem behandelten Roman sind negative Einstellungen zur Mehrsprachigkeit des Translators ablesbar, die mit dem übersteigerten Nationalbewusstsein zur Zeit des Nationalsozialismus erklärt werden können, denn es wurde im Dritten Reich davon ausgegangen, dass die Mehrsprachigkeit Loyalitätskonflikte nach sich ziehen und dem Kampf um die Muttersprache im Wege stehen kann Diese negative Einstellung hat Einfluss auf die Identitätsbildung des Translators. Roth wird als eine unsichere, zerrissene und psychisch gequälte Figur geschildert. Das Pendeln zwischen beiden Welten, das Miterleben von Greueltaten sowie die potenziellen Gefahren, die mit dem Beruf verbunden sind, bedrücken Roth so sehr, dass ihm der Identitätswechsel der einzige Ausweg scheint. In seiner Freizeit legt er bewusst die deutsche Sprache und Identität ab, wandelt sich in Monsieur Antoine und wird dadurch in eine Liebesgeschichte mit einer französischen Widerstandskämpferin verwickelt. Roth wird des Hochverrats beschuldigt, und endet, nachdem ihm die Flucht gelingt, als Namenloser und Ausgestoßener. An dem Roman zeigt sich auch, wie das Selbst- und Rollenbild des Translators auf dessen translatorisches Handeln wirken. Die erlebte fehlende Anerkennung bei den Mitmenschen trotz hoher Sprach- und Kulturkompetenz beeinträchtigt sein Selbstgefühl, was sich vor allem durch die Blickvermeidung und den Versuch, sich bei der translatorischen Arbeit unbemerkbar zu machen, offenbart. Seine Unsicherheit und die Skepsis, mit dem ihm die anderen begegnen, schlagen sich, ob bewusst oder unbewusst, in seinem translatorischen Handeln nieder. Es lässt sich durch manglende Kreativität und eingeschränkte Freiheit beschreiben, was sich wiederum in übertriebener Vorsicht und totaler Wörterbuchtreue zum Ausdruck kommt. Das translatorische Handeln des Obergefreiten Roth, das sich vor allem im wörtlichen sklavenhaften Kleben am Ausgangstext zeigt, wird mit translationswissenschaftlichen Forschungsergebnissen und Maximen in Beziehung gesetzt, vor allem mit dem kontroversen Prinzip der Treue, das Walter Benjamin in seinem berühmten Aufsatz „Die Aufgabe des Übersetzers“ (1955) beleuchtete. Das Selbst- und Rollenbild des Translators sowie der Einfluss auf das translatorische Handeln werden im Hinblick auf neue translatologische Forschungsergebnisse erklärt. Im Lichte der Ausführungen von Kaindl/Kurz in dem 2008 herausgegebenen Sammelband Helfer, Verräter, Gaukler? Das Rollenbild von TranslatorInnen im Spiegel der Literatur sowie der Ausführungen von der Translationswissenschaftlerin Mona Baker in Narratives in and on Translation (2011) zeigt sich damit an dem Obergefreiten Roth ein Wirklichkeitsmodell, das dem Rollenklischee vom Translator als zerrissener Person und potenziellem Verräter treu bleibt. Die Narration vom Translator als vermeintlich neutralem Vermittler, die die Translationswissenschaft und die Berufsverbände hochschreiben, wird zugunsten des traditionellen Rollenklischees, traduttore, traditore, stark bezweifelt.


Other data

Issue Date 2014
Publisher Cairo University
URI http://research.asu.edu.eg/123456789/435


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