Übersetzung in Zeiten der Wende(n): Ein Wegbreiter für den Abbau kultureller Schranken? Eine übersetzungsgeschichtliche Untersuchung anhand der Übersetzungsbewegung in Bagdad und Toledo. In: KGS 20, Kairo 2012-2013, 525-553.

Nahla Tawfik 


Abstract


Gegenstand dieses Beitrages ist die Rolle von Übersetzung in Zeiten der Wende(n) anhand zweier markanter Beispiele aus der Übersetzungsgeschichte, nämlich der Übersetzungsbewegung in Bagdad zur Zeit der Wende vom Umayyiden- zum Abbasidenkalifat und der Übersetzerschule von Toledo zur Zeit der Wende von der islamisch-arabischen zur christlich-europäischen Herrschaft auf der iberischen Halbinsel. Die Studie zielt darauf ab, die vielfältigen Aspekte und Funktion der übersetzerischen Praxis zu beleuchten und im Hinblick auf deren kurzfristige bzw. langfristige Wirkung und Rezeption unterschiedliche Modelle darzustellen. Dabei wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben, sondern exemplarisch anhand von markanten Beispielen vorgegangen. Zunächst wird eine Einführung über Übersetzungsgeschichte als Teildisziplin der Übersetzungswissenschaft und deren enge Verbindung zu dem Ansatz des Kulturtransfers gegeben, der sich mit der Vermittlung zwischen den Kulturräumen, der Untersuchung der Berührungspunkte sowie der Rolle der Vermittler befasst. Nach einem anfänglichen historischen Überblick wird die übersetzerische Praxis und die Rolle der Übersetzung nachgegangen. Dabei werden zwei Perspektiven in Betracht gezogen: die erste betrachtet die Übersetzung im Hinblick auf ihre langfristige Wirkung und Rezeption, die zweite untersucht die Übersetzung im Hinblick auf den Entstehungskontext und ihre damals intendierte Funktion. Für die Belange der Untersuchung sind vor allem die Ausführungen von der Translationswissenschaftlerin M. Baker ausschlaggebend, die bei der Übersetzungsuntersuchung eine Art „romanticizing translation“ feststellt und damit meint, die Tendenz in der Forschung, Übersetzung immer idealistisch darzustellen, und dabei die Instrumentalisierung und den Missbrauch der Übersetzung in einigen Fällen zu ignorieren. Durch den Rückgriff auf beide Perspektiven wird nicht bestrebt, eine Darstellungsweise zugunsten der anderen aufzugeben, sondern innerhalb der Übersetzungswissenschaft ausreichenden Platz für unterschiedliche Wirklichkeitsmodelle der übersetzerischen Praxis und alternative wissenschaftliche Zugänge zu bieten, die nicht im Sinne von ein Entweder-Oder, sondern vielmehr im Sinne von ein Sowohl-als-Auch zu verstehen sind. Folgende Modelle der übersetzerischen Praxis wurden festgestellt: 1. Übersetzung im Dienste von Wissensvermittlung und Abbau kultureller Schranken Dieses Modell kann als die Haupttendenz sowohl in Bagdad als auch in Toledo betrachtet werden. Beide Momente der Übersetzungsgeschichte haben der Menschheit unentbehrliche Verdienste geleistet, im Hinblick auf die Vermittlung und Rückvermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse, die vom Verlorengehen bedroht waren. Die intensive Auseinandersetzung mit und die Aneignung fremden Kulturguts war zugleich ein Ansporn und ein wesentlichr Garant der späteren wissenschaftlichen und kulturellen Blüte in beiden Kulturräumen. Der Spektrum der in Bagdad und Toledo übersetzten Werke umfasst vor allem medizinische, mathematische, astronomische, alchemistische und philosophische Werke. Damit stand die Übersetzung im Dienste einer Art „positiven“ interkulturellen Kommunikation. Wissensgier der Gelehrten und deren Interesse an der Kultur des Anderen sowie die großzügige institutionelle Unterstützung seitens der Kalifen und Hofleute in Bagdad sowie der Gelehrten und Könige in Toldeo sind hier als Motivation beider Übersetzungsaktivitäten besonders hervorzuheben. Im Rahmen der Darstellung wird auch Licht auf die Übersetzer und deren Berufsbild sowie auf den Übersetzungsprozess geworfen. Aspekte wie die Übersetzungsrichtung, Übersetzungsbereiche, Übersetzungsmethode (Zwei-Phasen-Übersetzung) und Übersetzungstechniken, zum Beispiel die unternommene Textkritik, Entlehnung von Fremdwörtern und Prägung neuer Fachbegriffe werden untersucht. Auch in einem anderen Hinblick leistete die Übersetzung einen weiteren Beitrag zum Abbau kultureller Schranken, indem die Übersetzer zum Dienste einer guten Übersetzung vorwiegend in multikulturellem Teamwork gearbeitet haben. 2. Übersetzung zur politischen Herrschaftsfestigung Einer der Gründe für die Übersetzungsförderung durch die Abbasiden war die Untermauerung deren Herrschaft als Folger der Sassaniden. Mit der Übersetzungsförderung übernehmen die Abbasiden die kulturellen Praktiken der Sassaniden und handelten nach deren Vorbild. Die Auswahl der zu übersetzenden Büchern war auch in einigen Fällen von machtpolitischen Zwecken bestimmt. Auch in Toledo sollte die Übersetzungsbewegung zur Vorrangsstellung Toledos gegenüber anderen Zentren auf der iberischen Halbinsel, wie Braga und Santiago, dienen. Toledo sollte das geistliche und politische Zentrum auf der Iberischen Halbinsel sein. 3. Übersetzung als Schutz/Waffe gegen Andersgläubige In beiden multikulturellen und multireligiösen Gesellschaften diente die Übersetzung manchmal zum Schutz gegen Andersgläubige. Zum Beispiel erfolgte die Übersetzung der Topica des Aristoteles durch den nestorianischen Patriarchen Timotheos I im Auftrag des Kalifen Al Mahdi in Bagdad, um den Islam in den Debatten mit den Nestorianern, die der Argumentationskunst mächtig waren, verteidigen zu können. Als Waffe gegen den Islam diente auch die erste Koranübersetzung, die 1142 der Abt Petrus Venerabilis (1092-1156) veranlasste. Damit suchte er keine interreligiöse Auseinandersetzung oder Mittel zur friedlichen Koexistenz beider Religionen, sondern eher den Kampf gegen den Islam. 4. Übersetzung als Mittel zum intellektuellem Sieg und zur Wiederaneignung des kulturellen Erbes Die Größe und eigene Überlegenheit anderen Völkern zu zeigen, war in einigen Fällen auch eine Motivation der Übersetzungstradition. Ibn Muqaffa sollte mit der Übersetzung von Werken aus dem Persischen ins Arabische offensichtlich die nicht-arabischen Muslime mit der Größe des alten Irans vertraut machen. In Toledo wollte man die Kenntnisse und Leistungen der griechischen Wissenschaften, die als im Wirren des Mittelalters verloren gegangenes Erbe angesehen wurden und nur in arabischer Sprache erhalten sind, durch Rückübersetzung wiederaneignen. Auch der intellektuelle Sieg über die „Ungläubigen“ war dabei im Spiel. Stark damit verbunden ist Rolle der Übersetzung bei der Assimilation von Wissen. In Toledo wurde die Hauptlast der Übersetzungsarbeit bei den Helfern, also den Juden, Arabern, Mauren und Mozarabern getragen, aber ihre Namen wurden nicht oder erst an zweiter Stelle genannt. 5. Übersetzung zur Identitätskonstruktion (Integration versus Desintegration) Der Beitrag der Übersetzung zur Stiftung kollektiver Identität ist schon zu Zeiten der Umayyiden feststellbar, indem sie das Arabische als lingua Franca zur Förderung einer Art „Nationalen Identität“ in den neuen Gebieten eingeführt haben. Die identitätsstiftende Rolle der arabischen Sprache zur Integration der heterogenen Nationalitäten unter den Abbasiden wird durch die Übersetzung aus den verschiedenen Sprachen ins Arabische unterstützt. In anderen Fällen wurde mit der Übersetzung ein gegnsätzliches Ziel verfolgt, nämlich die Desintegration. Als Beispiel dient die „Chronik der Könige von al-Andalus". Aufgrund der lateinischen Historia wurde ein Geschichtswerk konstruiert, das die Eigenständigkeit und Einheit von al-Andalus seit je zu betonen und den Bevölkerungsgruppen eine exklusive Identität zu geben versucht. Diese exklusive Identität soll die Muslime von Andalusien gegen Muslime im Abbasidenreich abgrenzen und die umayyidische Zentralgewalt von Cordoba gegen Herrschaftsansprüche seitens des Abbasidenkalifats legitimieren.


Other data

Issue Date 2013
Publisher Cairo University
URI http://research.asu.edu.eg/123456789/436


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