Übersetzungsunterricht mal ganz anders. Oder: Zum Einsatz von Medien im Übersetzungsunterricht. In: Schmitt, P.A.; Herold. S.; Weilandt, A.(2011)(Hrsg.): Translationsforschung. Tagungsberichte der LICTRA. IX. Leipzig International Conference on Translation and Interpretation Studies. Frankfurt am Main: Peter Lang, Teil 2, 841-852.

Nahla Tawfik 


Abstract


Möglichkeiten der Entwicklung der übersetzerischen Kompetenz durch den Einsatz von Medien im Unterricht ist Gegenstand dieses Beitrages. Im Mittelpunkt stehen Potenziale des Einsatzes von visuellen Medien, um unterschiedliche Teilkomponenten der Übersetzungskompetenz anzusprechen und angehende Übersetzer für die Relevanz des Einklangs zwischen sprachlichen und visuellen Äußerungsformen zu sensibilisieren. Zunächst wird eine Einführung über Medien, vor allem Bilder, und Potenziale deren Einsatzes im Unterricht gegeben. Im Zuge der sogenannten Bildwende „iconic turn“ wird die Unverzichtbarkeit der Darstellungs- und Zeigefunktionen im Erkenntnisprozess betont, was in der Pädagogik demnach eine verstärkte Beachtung der visuellen Eindrücke bedeutet. Unterschiedliche Funktionen des Bildeinsatzes im Sprachenunterricht werden thematisert. Im Anschluss daran wird auf den Gegensatnd und Zielsetzung des Übersetzungsunterrichts eingegangen. Als Gegenstand des Übersetzungsunterrichts wird sowohl die Übersetzung als Prozess und die Übersetzung als Produkt betrachtet. Diese Feststellung bedingt einen bidirektionalen Vorgang im Übersetzungsunterricht, der nicht nur auf die fertige Übersetzung (Produkt) fokussiert, sondern den Übersetzungsprozess mit seinen verschiedenen Phasen auch berücksichtigt. Es wird auch hervorgehoben, dass das Ziel des Übersetzungsunterrichts in den akademischen Instituten der Übersetzerausbildung sich nicht auf Semantisierung oder Leistungskontrolle beschränkt, denn das Übersetzen im Übersetzungsunterricht versteht sich als Selbstzweck und kein Mittel. Das Ziel des Übersetzungsunterrichts besteht demnach in der Entwicklung einer gewissen Übersetzungskompetenz bei den Studierenden, die später in der Praxis erweitert und auf weitere Bereiche übertragen werden kann. Die Übersetzungskompetenz wird als ein mehrdimensionales interagierendes Faktorenbündel angesehen, das aus verschiedenen Teilkomponenten besteht. Diese sind: Sprach-, Text-, Kultur-, Transfer-, Recherche-, Sach- und Metakompetenz. Möglichkeiten der Entwicklung diverser Teilkomponenten der Übersetzungskompetenz durch den Einsatz von bildgestützten Texten im Übersetzungsunterricht werden anhand eines Übersetzungsworkshops mit Studierenden des 2. Studienjahres der Sprachenfakultät Al-Alsun exemplarisch dargestellt. Der Workshop erfolgte im Rahmen der Ausstellung "Ortszeit" von Stefan Koppelkamm, die 2009 im Goethe Institut Kairo zum 20. Jahrestag des Mauerfalls stattfand. Stefan Koppelkamm reiste gerade nach der Wende durch Ostdeutschland, und hat Straßen, Bauten, Plätze und Häuser fotografiert. Zehn, zwölf Jahre später suchte er alle Orte noch einmal auf und fotografierte von den exakt gleichen Standpunkten ein zweites Mal. Die entstandenen Bildpaare dokumentieren, dass es in der Zwischenzeit tiefgreifende Veränderungen stattgefunden haben. Der Übersetzungsworkshop, der das visuelle Medium, nämlich die Fotografien der Ausstellung, in den Übersetzungsübungen integrierte, verfolgte dabei folgende Ziele: • den Einfluss des visuellen Mediums (Fotografien) auf den Übersetzungsprozess zu investigieren; • verschiedene Teilkompetenzen der translatorischen Gesamtkompetenz der Studenten anzusprechen bzw. zu entwickeln; • die Studenten mit einer realen Situation der Übersetzungspraxis in Kontakt zu bringen. Den Studenten werden einige Texte samt der dazugehörigen Fotografien zum Übersetzen vorgelegt. Die diversen Schwierigkeiten appellieren an die Text-, Recherche-, Kultur- und Transferkompetenz der Studierenden. Ein interessantes Beispiel aus einem zu übersetzenden Text ist das Kompositum Kopfsteinpflaster, für das die Studenten keine Entsprechung in den gängigen zweisprachigen Wörtebüchern gefunden haben, so haben sie es falsch mit الرصيف الحجري übersetzt, das so viel wie Bürgersteig bedeutet. Erst durch den Rückgriff auf das Bild als Verstehenshilfe und Bedeutungsmittler kommen die Studenten zu dem treffenden Äquivalent, nämlich: .حجارة الرصف Dadurch werden die Studenten auch dafür sensibilisiert, dass das Bild als Maßstab bei der Überprüfung der entstandenen Übersetzung dienen kann, und das im Hinblick darauf, ob die sprachliche Äußerungsform mit der visuellen in Einklang steht. An einem weiteren Beispiel werden die Studenten in die Textsortenproblematik eingeführt. Der Satz: „Privatgrundstück - Unberechtigt parkende Fahrzeuge werden kostenpflichtig abgeschleppt“ spricht die Transfer- und Kulturkompetenz der Studenten an. Denn erst durch die Beachtung des Bildes wird klar, dass es sich dabei um ein Schild handelt. Dies nicht zu beachten, würde eine arabische Übersetzung hervorbringen, bei der die Gefahr besteht, die Textsortenbesonderheiten des deutschen Originals, d.h. die syntaktisch-semantische und textuelle Gestaltung, in dem arabischen Zieltext zu reproduzieren, obwohl andere Konventionen in der arabischen Zielkultur üblich und kommunikativ angemessen sind. Die Syntax kann zwar stimmen, aber die Makrostruktur und der Textaufbau weichen von den Erwartungen des arabischen Empfängers ab. Aus den obigen Ausführungen geht hervor, dass innovative Lernimpulse durch den Einsatz von bildgestützten Texten im Übersetzungsunterricht erzielt werden können. Dadurch können diverse Teilkomponenten der übersetzerischen Gesamtkompetenz angesprochen werden. Die Studenten auf die Bedeutung des Bildes als Bedeutungsmittler, als Verstehenshilfe und als Maßstab für die Beurteilung der Übersetzung aufmerksam zu machen, bei der keine Diskrepanz zwischen der sprachlichen und visuellen Äußerungsform besteht, ist ein wesentliches Ziel des Einsatzes von bildgestützten Texten. Selbstverständlich bedingt ein erfolgreicher Medieneinsatz aber nicht die bloße Verwendung visueller Medien um ihretwillen, sondern es hängt von der Funktionalität des Medieneinsatzes ab, d.h. welche Potenziale dadurch zu erzielen sind. Da Bilder nicht in allen Textsorten dieselbe Rolle spielen, ist eine gut überlegte Textauswahl entscheidend dabei.


Other data

Issue Date 2011
Publisher Peter Lang
Conference LICTRA, Leipzig, 19-21. Mai 2010 
URI http://research.asu.edu.eg/123456789/437


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